Lesezeit ca. 17 MinutenMatthias Würtenberger, Mediator in München & Rosenheim
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Fachzeitschrift Perspektive Mediation, Ausgabe 3/2025, S. 208–213 (Verlag Österreich), doi.org/10.33196/pm202503020801.
Überblick
Der Klimawandel und die damit einhergehenden Katastrophenereignisse stellen unsere Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Der folgende Artikel betrachtet diese Entwicklungen aus der Perspektive eines Mediators und Klimaaktivisten. Die persönlichen Erfahrungen des Autors bei Klimaprotesten verdeutlichen die Chancen und Grenzen von mediativen Ansätzen in einem zunehmend polarisierten Umfeld. Ein Aufruf zur Anerkennung der Differenzen, verbunden mit der Hoffnung, dass ein Weg zur Verständigung möglich ist.
Inhaltsübersicht
Es ist das Jahr 2023, ein Vormittag im Frühjahr, und die Sonne scheint im Zentrum einer bayerischen Großstadt. Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ finden sich zusammen, um Blockaden auf viel frequentierten Straßen der Stadt durchzuführen. Der Hauptbahnhof und Fußgängerzonen sind nicht weit entfernt. Der Modus der geplanten Aktion ist relativ einfach wie bekannt. Auf Höhe einer Ampel und auf beiden Seiten dieser viel befahrenen Straße koordinieren sich etwa 15 Menschen in etwa fünf Gruppen. Alle sind mehr oder weniger unauffällig gekleidet. Eine Rotschaltung der auserwählten Fußgängerampel wird genutzt, um sich auf beiden Straßenseiten zu sammeln. Die Ampel schaltet auf Grün. Touristen, Rentner, Schüler, Schichtarbeiter, Urlauber und Einkäufer überqueren die Straße, darunter auch acht Menschen aus zwei der fünf Gruppen. Letztere verteilen sich gleichmäßig auf der fünfspurigen Autostraße, um sich dann spontan in einer locker geschlossenen Reihe auf die Straße zu setzen. Warnwesten werden angezogen, einschlägige Banner entrollt. Die Fußgängerampel schaltet auf Rot, der Übergang leert sich, das Aktionsbild erscheint. Die Autoampel springt auf Grün, erste Autos fahren kurz an, um dann zu stoppen – eine Weiterfahrt ist ohne weiteres nicht möglich. Andere Autos bleiben stehen, einige Fahrer beginnen zu hupen. Menschen steigen aus ihren Autos, manche zögerlich, verwirrt, andere zielstrebig, verärgert, gestresst, hin und wieder auch belustigt. Es zeigt sich, wie so oft, ein bunter Strauß unterschiedlicher Reaktionen.
Meine Aufgabe, zusammen mit drei anderen, ist es, falls notwendig, als eine Art „Blitzableiter“ zu agieren. Ziel ist es, die Aktivisten auf der Straße sitzend, vor dem Eintreffen der Polizei vor körperlichen und heftigen verbalen Anfeindungen zu bewahren.
Zudem geht es darum, mit jenen Bürgern ins Gespräch zu kommen, die sichtlich emotional reagieren.
In dieser unterstützenden Rolle stehe ich anfangs am Straßenrand, mit Blick auf die ersten Autoreihen, wandere alsbald durch die stehenden Autos, um den blockierten Autofahrern Antworten und Informationen zu geben. Dies passiert mal ungefragt, mal auf Nachfrage.1
Mir fällt ein Autofahrer auf, der weit vorne und sichtlich entrüstet am Steuer sitzt, hupt und wild gestikuliert. Ich klopfe an sein Fenster und sehe ihm mit offenem Blick in die Augen. Er lässt das Fenster herunter und ich erkundige mich nach seiner Situation. Er fragt mich sichtlich genervt und nervös, wie lange das hier jetzt dauere, er müsse in die Arbeit, wäre gerade so pünktlich hingekommen, der übliche Stau hat seinen Zeitpuffer gefressen. Diese Blockade hätte zur Folge, dass er zu spät zu seiner Arbeitsstelle um die Ecke, einem Drogeriemarkt, käme. Sein Chef wird ihm Probleme machen. Er berichtet mir über die Verkehrssituation in der Stadt, die ÖPNV-Anbindung des Umlandes, wo er wohne. Es stellt sich heraus, dass er früher zur gleichen Arbeitsstelle mit der S-Bahn gefahren sei, sie auch dem Auto vorziehe, aber aufgrund der Unzuverlässigkeit des Fahrplans auf das Auto habe umsteigen müssen. Die Alternative wäre gewesen, einen anderen Job zu suchen, was für ihn gerade nicht möglich ist. Während ich zuhöre, gelegentlich nachfrage, macht er auf mich einen zunehmend gelasseneren Eindruck. Ich erkläre, dass die Protestaktion Forderungen stellt, die auch seine Interessen ansprechen, und drücke mein Mitgefühl für seine jetzige Situation in der Blockade aus, sage es tue mir leid. Etwas beinahe Unmerkliches verschiebt sich zwischen uns, er lächelt und sagt, er verstehe schon, warum wir das machen, finde ebenfalls, dass zu wenig getan werde. Ich wandere weiter durch die Autos…
Ob ungehorsame Klima-Proteste, wie eben beschrieben, als sinnvoll oder gar gerechtfertigt angesehen werden, darüber denken die Menschen in Deutschland und darüber hinaus sehr unterschiedlich. Ich bin mir jedoch sicher, dass kaum eine LeserIn dieses Artikels die Realität des Klimawandels anzweifelt, unabhängig von den individuellen Ursachen, die er oder sie dafür annimmt. Der Klimawandel stellt unsere Gesellschaften und Institutionen vor gewaltige Herausforderungen. Wissenschaftliche Prognosen variieren in ihrer Dramatik erheblich – je nach Ausmaß der prognostizierten globalen Erderwärmung. Ein Blick über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus zeigt, was auch hierzulande bald geschehen könnte. Die Fluten in Pakistan 2022, bei denen etwa ein Drittel des Landes überflutet und acht Millionen Menschen vertrieben wurden, sind ein mahnendes Beispiel.2 Weitere, zunehmend häufigere Extremwetterereignisse und ihre katastrophalen Auswirkungen auf das Leben von Menschen sind bekannt und bedürfen keiner weiteren Ausführung.3 Auch hierzulande nehmen die Extremwetterereignisse an Intensität zu. Es ist eine Tatsache, dass sich Rekorde jagen – seien es die Höchsttemperaturen an Weihnachten oder die sich abwechselnden Dürre- oder Starkregenperioden in den Sommermonaten.4 Dabei bleibt eine wirkliche tiefgreifende Veränderung des modus operandi in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für die Verwirklichung eines echten Green New Deals oder gar Red Deals aus.5
Die dringlichste Frage, die sich uns als Gesellschaft stellt, ist: Wie werden wir mit diesen Herausforderungen umgehen? Dabei will ich, wenngleich dies nur theoretisch möglich aber dennoch im Sinne meines Beitrags ist, die Bewältigung der direkten Folgen von Klimakatastrophen ausklammern und den Fokus auf den gesellschaftspolitischen Aspekt jener Fragestellung legen. Nicht ob, sondern wann und wie wir dem begegnen. Mit der Brille eines ausgebildeten Philosophen lassen sich verschiedene komplementäre Dimensionen identifizieren, die in dieser Frage verankert sind:
1. Die psychologische Dimension: Wie wollen wir damit umgehen?
Anerkennung des Problems und seines Umfangs: Erkenne ich die Realität des Klimanotstandes an, und wo ziehe ich die Grenze seiner Auswirkungen (gegenwärtig und zukünftig)? Je nach Antwort leitet sich davon ab:
2. Die normative Dimension: Wie sollen wir damit umgehen?
Je nach Wertvorstellungen fällt die Antwort unterschiedlich aus.
Die Antwort auf die Frage, welche Menschen hier moralisch berücksichtigt werden, mag sehr unterschiedlich ausfallen.
Es können die Interessen aller Menschen auf diesem Planeten berücksichtigt werden, egal ob Inselbewohner in Papua-Neuguinea oder Hansestädter in Hamburg, oder nur Teilmengen davon.6
Hier verorte ich Handlungen die negativen, also Unterlassungscharakter haben. Das heißt, welche Aktivitäten müssen wir stoppen, welche Politiken abschaffen, damit weitere Zerstörung und Schaden verhindert wird? Wenn überhaupt. Die komplementäre Seite davon, was für Handlungen nötig sind, um Veränderung positiv zu gestalten, verorte ich im Folgenden:
3. Die praktische Dimension: Wie werden wir damit umgehen?
Welche Lösungen und Maßnahmen ergreifen wir, um eine Änderung oder Anpassung konstruktiv herbeizuführen?
Warum diese Vorrede? Ich spreche zu Ihnen als Mediator und Klimaaktivist und will hier klare Worte finden. Zur Mediation fand ich aus persönlicher Berufung, während ich den Weg zum Klimaaktivismus aus einer inneren Stimmung der Ratlosigkeit, Verzweiflung und des moralischen Unbehagens einschlug. Dazu kam, dass ich mich selbst und die Mehrheit der Menschen, die ein würdiges Überleben von Menschen, Tieren, Pflanzen in ihrer gewachsenen Vielfalt garantieren wollen, in einer seltsamen Schwebelage von politischer Unfähigkeit sah. Dazu später noch mehr. Hier sei schon vorweggenommen, das ich ehrlich gesagt, bislang weder aus der moralischen noch der politischen Zwickmühle herausgefunden habe.
Die Hebung impliziter Glaubenssätze
Unabhängig davon, ob jemand sich als Klimaaktivist, Klimaleugner oder besorgter Bürger positioniert – alle treffen bestimmte Entscheidungen entlang der genannten Dimensionen. Diese Positionierung führt noch zu etwas anderem, dem wir MediatorInnen berufsinhärent vertraut sind – wenngleich wir diesen meist in anderen Arenen des menschlichen Zusammenseins begegnen als in der gesellschaftspolitischen Debatte.
Diese jeweilige Positionierung ist oft verbunden mit impliziten (Vor-) Annahmen, die Menschen entweder nicht aussprechen oder derer sie sich nicht bewusst sind.
Um dies zu verdeutlichen, habe ich im Folgenden einige vereinfachte Glaubenssätze aufgeführt, die den drei oben genannten Positionierungen entsprechen mögen. Die genaue Zuordnung überlasse ich dabei den aufmerksamen LeserInnen:
- Die Veränderung des Klimas mag durch menschliche Aktivität beschleunigt sein, doch eines ist sicher: Klimaveränderungen fanden schon immer statt und bringen Gewinner wie Verlierer hervor. Unsere Zivilisation, unser Wohlstand, unsere technischen Errungenschaften beruhen auf der Nutzbarmachung der Natur und ehrlicher, harter Arbeit von Individuen. Und jetzt? Jetzt geht es lediglich um technologische Aufrüstung, Beschleunigung und Optimierung von Prozessen. Das Ziel: Die Natur zukünftig noch besser beherrschbar zu machen.
- Der Klimawandel ist ein zufälliges Nebenprodukt der Industrialisierung und der damit verbundenen Nutzung von fossilen Energieträgern. Mit der Nutzung von ausschließlich grüner, emissionsfreier Energie können wir den Klimawandel stoppen bzw. einschränken und die Entwicklung und das Wachstum unseres Wohlstandes weiter vorantreiben.
- Der menschengemachte Klimawandel ist eine notwendige Begleiterscheinung und ein Resultat des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Darin gilt Profitmaximierung als höchstes Prinzip, und stellt dieses über die Achtung von Mensch, Tier und ihren Ökosystemen. Nur ein Wirtschafts- und Sozialsystem, in dem der Mensch die Natur nicht kontrollieren will, sondern sie als integralen Bestandteil der menschlichen Existenz erfasst, kann langfristig lebenswert sein.

Was hat dies mit Mediation zu tun? – Methodische Überlegungen
Nun, was haben diese grundsätzlichen Ausführungen mit Mediation zu tun? Der Klimanotstand und seine Auswirkungen sind schon jetzt Ursache starker Polarisierung und gesellschaftlicher Konflikte und werden dies auch zukünftig sein. Die unterschiedlichen Werte und Annahmen, die den Positionen zugrunde liegen, machen dies deutlich.7 Aus diesem Grund stelle ich mir die Frage – wie auch viele meiner KollegInnen in meinem unmittelbaren Umfeld und sicher darüber hinaus – inwiefern Mediation und mediative Ansätze auf gesellschaftspolitischer Ebene angewendet werden können? Ich bin überzeugt, dass es ein großes Potential und einen hohen Bedarf gibt. Es geht letztlich auch ganz konkret um die Frage, wie Klimaaktivismus heute (überhaupt?) funktionieren kann – aber dazu mehr am Ende.
In der Mediation zeigt sich oft, dass es hilfreich, wenn nicht sogar unverzichtbar ist, die zugrunde liegenden Annahmen der Medianden offen zu legen. Seien es die Annahmen über die Geschehnisse über vergangene Ereignisse und zwischenmenschliche Erfahrungen, Hypothesen darüber, wie die (soziale) Welt in ihren Grundfesten strukturiert ist, sowie persönliche Wertvorstellungen.
Für mich ist Mediation das Aufspüren und Freilegen dessen, was oft wesentlich, aber im Verborgenen liegt.
Es geht darum, die inneren Glaubenssätze der Medianden ans Licht zu bringen, um echtes gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. Erst wenn ‚alles‘ Relevante in seiner Unterschiedlichkeit offen auf dem Tisch vor den Menschen liegt, kann der Weg zur Überwindung des Konflikts beginnen. Dann wird wahrhaftige Kommunikation möglich, und gegenseitiges Verstehen kann geschehen. Damit meine ich nicht die Illusion von weichgewaschener Harmonie, sondern die aufgeklärte Anerkennung von Differenz:
Ich verstehe, Du siehst das so, ich höre dich, akzeptiere deine Meinung, aber sehe das anders, weil …
Im Sinne meiner vorherigen Ausführungen gehe ich in der Mediation davon aus, dass Konfliktlösung nur durch gegenseitiges Verständnis erreicht werden kann.8 Dasselbe Prinzip gilt meiner Ansicht nach auch im Kontext des Klimanotstandes und des Aktivismus, der sie begleitet.
Ungehorsamer Klimaprotest – Ist das überhaupt noch berechtigt?
Aber braucht es hier wirklich Protest? Steht er möglicherweise im Widerspruch zu Reformanstrengungen, indem er Menschen gegen Veränderungen aufbringt? Klimawandel und die Anpassung daran sind doch in aller Munde. Die Politik in Deutschland bemüht sich 2024 um grüne Transformation (Heizungsgesetz, Genehmigung von Windrädern und dergleichen), und die Wirtschaft zieht in die gleiche Richtung mit (E-Autos, grüne Investment Fonds, etc.). Auf internationaler Ebene tagen seit Jahren die Staaten dieser Erde und finden sich zu Klimakonferenzen zusammen.9 Hat da Klimaaktivismus, insbesondere ungehorsamer Klimaprotest, der die Grenzen des Legalen überschreitet, überhaupt noch eine Berechtigung?
Eine indirekte Antwort darauf gibt Dr. Martin Luther King in seinem Brief aus dem Gefängnis in Birmingham, Alabama, von 1963.10
Dr. King und andere schwarze Aktivisten protestierten in Birmingham trotz eines offiziellen Demonstrationsverbotes gegen die Rassentrennung, den Ku-Klux-Clan und die systematische Benachteiligung schwarzer Amerikaner und wurden daraufhin inhaftiert. In seinem Brief wandte sich Dr. King damals an acht weiße, lokale Geistliche unterschiedlicher Konfessionen, die sich gegen seinen Protest stellten und ihn als Extremisten bezeichneten, der von außerhalb nach Birmingham gekommen sei, um den Frieden zu stören. Bei allen Unterschieden zwischen den Klimaprotesten des 21. Jahrhunderts zu der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre lohnt sich ein Blick auf die von Dr. King skizzierten vier Schritte, die gewaltlose Protestaktionen durchlaufen (sollten).
- Prüfung der Tatsachen, ob Unrecht vorliegt
- Verhandlungsführung (negotiation)
- Selbstreinigung/prüfung (self-purification)
- Protest (direct action)
Im Folgenden prüfe ich jeden einzelnen Schritt im Kontext des Klimanotstands, um so die Berechtigung von Klimaprotest zu begründen und zugleich einen Blick auf wichtige normative Prinzipien zu werfen, die diesen untermauern.
Erstens: Der Klimanotstand als Resultat der Wertschöpfung (post-)industrialisierter Gesellschaften im 21. Jahrhundert erfolgt in einer Art und Weise, die die Begrenztheit menschlicher Lebensgrundlage, also der Erde und ihrer Ressourcen, nicht anerkennt und zerstört. Wachstum, sei es ‚grün‘ transformiert oder konventionell, bedeutet die fortwährende materielle Produktion von Gütern, die alternativlos vorausgesetzt wird.11 Die wahren Kosten der oft auf menschlicher Ausbeutung und Umweltzerstörung, insbesondere im globalen Süden, basierenden Güterproduktion spiegeln sich nicht in den Verbraucherpreisen wider.12 Eigentum von Land und Produktionsmitteln konzentriert sich zunehmend in den Händen kleiner, aber mächtiger Eliten. Deren Interessen konterkarieren die der breiten Bevölkerung in allen Ländern; ihr Einfluss, insbesondere auf die Politikbereiche Wirtschaft und Finanzen, ist erheblich und undemokratisch. Der Staat wird dabei nicht als Schöpfer von Geld anerkannt, sondern reduziert auf die Funktion eines Haushalters, der mit knappen Mitteln wirtschaften muss. Durch das internationale Finanzsystem werden insbesondere Länder des globalen Südens in sich selbst-perpetuierende Abhängigkeiten durch Staatsschulden gehalten, die Umweltzerstörung dort weiter vorantreibt und einen selbstbestimmten, gerechten Wandel verunmöglicht.13 Dies ist der harte Boden der Tatsachen.
Dies führt zu Zweitens: Wie soeben bemerkt, finden Verhandlungen unter anderem auf höchster internationaler Ebene statt – zum Zeitpunkt der Abgabe dieses Artikels steht die 29. UN-Klimakonferenz (COP29) in Azerbaidschan bevor. Doch eine Bewertung der vorangegangen COPs aus Sicht von Klimawissenschaftlern fällt dennoch vernichtend aus – prägnant auf den Punkt gebracht von Johann Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK):
„Wir brauchen keine weiteren Gespräche oder Willensbekundungen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig.“14
Eine Analyse der Ursachen der Ineffektivität dieser Verhandlungen würden den Umfang und Zweck dieses Beitrags übersteigen – ein Blick auf diejenigen Akteure, die in den vorherrschenden Rahmenbedingungen profitieren, bietet jedoch erste Hinweise. Was bleibt ist letztlich eine Verweigerung, wahrhaftig zu verhandeln.15
Sind die ersten beiden Schritte erfolgreich durchlaufen, folgt nach Dr. King im nächsten Schritt eine Innenschau, bevor es zur, wie er es nennt ‚direct action‘ in der Öffentlichkeit kommt. In Seminaren zu Gewaltlosigkeit kommt es zur Selbstprüfung. Die Leitfragen dabei sind:
„Bist du in der Lage, Schläge zu akzeptieren, ohne zurückzuschlagen?“
„Bist du in der Lage, die Tortur des Gefängnisses zu ertragen?“
Erst wenn jene Fragen bejaht werden können, geht es weiter zur öffentlichen Aktion. Dies soll die unbedingte Friedfertigkeit von ungehorsamem Protest sichern.
Damit kommen wir zum vierten und letzten Schritt: der Durchführung von ungehorsamen, friedfertigen Protesten. Warum nun diese Form der Aktion? Wären Verhandlungen nicht sinnvoller, fragt Dr. King in seinem Brief. Tatsächlich liegt darin ihr Sinn und Zweck.
Gewaltlose Proteste haben das Ziel, ein so kritisches Spannungsverhältnis zu schaffen, das jene, die sich bis dahin hartnäckig geweigert haben bzw. lediglich den Anschein geben, Verhandlungen zu führen, sich nun gezwungen sehen, dies zu tun.
Die Aufgabe des Protests bestehe darin, eine so krisenschwangere Situation herbeizuführen, die die Tore zu Verhandlungen unvermeidlich aufstößt.
Dennoch: Laut Dr. King wird diese Spannung nicht durch die Protestierenden erzeugt, sondern lediglich enthüllt – die verborgene Spannung sei wie ein Geschwür (Ungerechtigkeit) das nicht geheilt werden könne, solange es nicht in all seiner Hässlichkeit den natürlichen Heilkräften von Luft (der öffentlichen Meinung) und Licht (dem menschlichen Gewissens) entblößt wird.16 Übersetzt auf unseren Kontext – nicht der Klimaprotest, die Protestierenden üben Zwang aus, sondern bringen die Gewalt der menschengemachten Klimakatastrophe an das Licht und auf die gesellschaftspolitische Tagesordnung.
Reflexion und Ausblick
Die eingangs beschriebene Begegnung mit einer Person, die sich unfreiwillig in einer Blockade findet, steht exemplarisch neben vielen anderen, die im Rahmen von ungehorsamen Klimaprotesten stattfinden. Sie war anfangs nur mäßig eskaliert und endete warmherzig. Das lag zum einen an der Verfassung meines Gegenübers und zum anderen an meiner Art der Interaktion sowie dem Zeitpunkt. Es gibt zweifellos Situationen, in denen Klimaaktivisten unversöhnlichen, nicht gesprächsbereiten Personen gegenüberstehen. Allerdings erlebe ich nur selten Gespräche, in denen Menschen von Anfang an ihren Unmut schimpfend und beleidigend ausdrücken. Die Mehrheit derjenigen, die spontan negativ reagieren, fühlt sich, meiner Beobachtung nach, entweder von Aktivisten verurteilt oder frustriert, weil sie mit einer Aktion und dem Anliegen konfrontiert werden, ohne hinreichend abgeholt und angesprochen zu werden. Die Kommunikation – konkret die Ansprache im öffentlichen Raum – muss besser, intensiver und direkter erfolgen. Neben sechs Personen auf dem Asphalt, vor einem Gemälde, einer Konzernzentrale oder Ministerium, braucht Protest nicht drei Aktivisten in direkter Kommunikation, sondern 100.
Hierbei sind mediative Kompetenzen essentiell. Meine beschriebene Begegnung stellt für mich nicht eine Intervention der Mediation dar, ist aber getragen von ihrem Geist. Zwar hatte ich als Aktivist in Nebenrolle ein inneres Bedürfnis, die Protest-Botschaft nach außen zu vertreten, dennoch war meine innere Haltung prioritär auf den Gewinn von Verständnis meines Gegenübers, seiner Perspektiven, Gedanken und Emotionen fokussiert.
Zum Abschluss möchte ich Sie oder Dich, als Mediatorin oder Mediator, direkt ansprechen. Ich denke, dass wir eine viel größere Rolle haben könnten und sollten – nicht als Aktivisten, sondern als MediatorInnen – in den Diskursen über vielfältige Herausforderungen, die der Klimanotstand impliziert. Die diskursiven Fronten in Familien, Schulen, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit verhärten sich nicht nur beim Thema Klimanotstand. Das gesellschaftliche Aufeinandertreffen könnte, meiner Meinung nach, wahrhaftiger und konzilianter ablaufen, wenn wir als unparteiische Dritte daran arbeiten, vermehrt mediative Prozesse in der gesellschaftspolitischen Arena zu realisieren. Wenn Sie Ideen, Anregungen oder positive Beispiele kennen, schreiben Sie mir gerne! Die sich anbahnende Klimakatastrophe wird unsere Gesellschaft auf den Prüfstand stellen; mit Mediation in ihrer Mitte bin ich überzeugt, dass wir diese Herausforderungen besser bewältigen können.
Literatur
- Martin Luther King, 1963, Letter from Birmingham Jail, okra.stanford.edu.
- Naomi Klein, 2019, On Fire: The (Burning) Case for a Green New Deal, Simon & Schuster.
- Gary Friedman and Jack Himmelstein, 2009, Challenging Conflict: Mediation Through Understanding, American Bar Association.
- Matthias Schmelzer und Andrea Vetter, 2019, Degrowth/Postwachstum zur Einführung, Junius Verlag.
- Frankena, William K., 1977, Ethik und die Umwelt. In: Krebs, Angelika (Hrsg.), 2014, Naturethik – Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion, Suhrkamp Verlag.
Anmerkungen
- Der typische Ablauf schemenhaft: Ich: Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten, hier passiert eine Blockade zum Klimaprotest. Bürger: Warum die Blockade? Ich: Forderung nach kostenlosen ÖPNV und Ausbau desselben, Tempolimit Autobahn, etc. B: Wie lang wird das noch dauern? Ich: Maximal 15 Minuten, die Polizei kommt gleich und löst die Versammlung höchstwahrscheinlich auf, maximal 15 Minuten. ↩
- Siehe dazu un-dco.org und esa.int. ↩
- The 2024 report of the Lancet Countdown on health and climate change: facing record-breaking threats from delayed action (29.10.2024), thelancet.com. ↩
- Deutscher Wetterdienst: Klimawandel in Deutschland. ↩
- Die Green New Deal Vorschläge sind im Ansatz dem New Deal von US-Präsident Franklin D. Roosevelt nachempfunden, der in den 1930er Jahren ein umfangreiches Programm zur Stabilisierung der Wirtschaft nach der Großen Depression einsetzte. Für ein prominentes Beispiel: Naomi Klein, 2019, On Fire: The (Burning) Case for a Green New Deal. Der Red-Deal geht radikal über die Ambitionen eines Green New Deal hinaus, indem im Rahmen der Beendigung des Klimanotstands Maßnahmen gefordert werden, die indigene Völker und traditionelle Territorien in den Mittelpunkt stellen. commonnotions.org/the-red-deal ↩
- Darüber hinaus kann je nach moralischer Grundannahme der Kreis der natürlichen Entitäten, die einen moralischen Eigenwert besitzen und somit moralische Berücksichtigung finden, unterschiedlich weit gezogen werden. Das reicht vom Anthropozentrismus über pathozentrische, biozentrische bis hin zu ökozentrischen Ansätzen. Mehr dazu bei Frankena, William K., 1977, Ethik und die Umwelt. ↩
- Dies liesse sich natürlich auch auf andere gesellschaftspolitische Themen anwenden. ↩
- Gary Friedman and Jack Himmelstein (2009): Challenging Conflict: Mediation Through Understanding, American Bar Association. ↩
- Die UN-Klimakonferenz ist die jährlich stattfindende Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties, COP) des Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, unfccc.int. ↩
- Letter from Birmingham Jail, okra.stanford.edu. ↩
- extinctionrebellion.de – Definition von Postwachstum. ↩
- Für eine substantiierte Darstellung siehe Naomi Klein, 2014, This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate, Allen Lane. ↩
- Zu den Forderungen debtforclimate.org. Zum Hintergrund, wie Staatsschulden Klimaanpassung beeinträchtigen: wri.org. ↩
- spiegel.de ↩
- So in Deutschland die Verweigerung der Bundesregierung unter Olaf Scholz, die Dramatik der Klimakrise auch nur auszusprechen, taz.de. ↩
- King, 1963. ↩

Matthias Würtenberger
Mediator in München und Rosenheim und Klimaaktivist. Mich beschäftigt, wie Verständigung auch in polarisierten Konflikten gelingen kann.
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